Tuesday, January 11, 2011

6 Months in China - Tagebuch eines Lehrers (German Language)



































19.11.2009

Als ich am 04.11.2009 ankam wurde ich von Herrn Onno Wei am Flughafen empfangen. Wir sind danach mit dem Auto, das von der Universität zugestellt wurde, nach Xiasha gefahren. Im Büro angekommen, hat man mir zunächst meinen Schreibtisch gezeigt und mich ein wenig über die Studenten und deren Fortschritte im Deutsch Unterricht aufgeklärt. Außerdem hat Frau Liu Ying mir schon in den ersten Minuten einen Umschlag gegeben in dem sich das Geld für mein Flugticket befand. Da ich den Vertrag aber erst kurz vor meiner Abreise bekommen hatte, musste ich ein Eilvisum beantragen und insgesamt 100 € bezahlen. In meinen Gesprächen mit Herrn Hutterer (dem Direktor des Deutsch Institutes) hatte ich das mehrmals erwähnt. Obwohl es abgemacht war, dass diese Summe auch bezahlt wird, hat Herr Wei mir in kurzen Sätzen klargemacht, dass das Visum nicht unter den Begriff „Reisekosten“ fällt. Da ich an diesem Tag schon über 16 Stunden gereist und wegen der Zeitumstellung Konzentrationsschwierigkeiten hatte, bin ich am Nachmittag von Frau Liu Ying nachhause gebracht worden. Ich bin dankbar, dass sie mir angeboten hat, mit mir zusammen einkaufen zu gehen denn in der Wohnung die von der Universität zur Verfügung gestellt wurde gab es nur wenig wenn sogar Garnichts um darin auch nur einen Tag verbringen zu können.

Ein Zimmer mit 35qm, sollte ab jetzt der Ort sein in dem ich leben werde. Ich habe auch während meiner Studienzeit in Ein Zimmer-Wohnungen gewohnt die kaum großer waren. Trotzdem war ich von der Erscheinung recht enttäuscht. Ein Fernseher ohne Empfang (später habe ich erfahren, dass ich für den Empfang selbst zahlen muss), ein Kleiderschrank das für Kinder gedacht war, ein Bett ohne Matratze, ein Schreibtisch und ein kleiner Glastisch mit 2 Stühlen waren die Möbel die sich im Zimmer befanden. Die Küche war etwas völlig anderes. Wie schon erwähnt, hatte ich meine Studienzeit nicht unbedingt in Luxus verbracht doch eine Herdplatte und einen kleinen Ofen hatte ich in jeder Wohnung in der ich gelebt hatte. In dieser Küche waren nur 2 Dessert-Teller, eine Schale, ein Glas und sonst nichts. Es war mir sofort klar, dass Frau Ying das wenige Geschirr gekauft hatte um die Küche nicht völlig nackt aussehen zu lassen. Als ich nach einem Wasserkocher gefragt habe, wurde mir gesagt, dass ich diesen selber kaufen soll was ich auch noch am selben Tag gemacht habe.

Ich konnte also, nachdem Frau Ying gegangen war nicht essen gehen weil ich die Gegend nicht kannte und die Speisekarten nicht lesen konnte. Genauso wenig konnte ich selbst etwas kochen. Da wir mit Herrn Wei und Frau Ying zu Mittag gegessen hatten dachte ich nicht, dass dies hätte ein Problem werden können. Am nächsten Tag hatte ich Unterricht. Ich wollte einen guten Eindruck bei meinen Studenten hinterlassen also bin ich schon sehr früh schlafen gegangen. Später an diesem Abend hatte ich großen Hunger und war meiner Frau dankbar über die Kekse, die sie mir in meinen Koffer gesteckt hatte.

Am nächsten Tag, bin ich früh aufgestanden. Da ich im Kühlschrank nichts zu essen hatte wollte ich früh losgehen um in einem der Restaurants in der Nähe der Universität zu essen. Wie sich später herausgestellt hat, sollte das „Essen“ eines der größten Probleme für mich werden. Ich wollte direkt zur Universität doch am Tag zuvor war ich durch die lange Reise so durcheinander, dass ich nicht mehr wusste wo die Universität war. Ich habe mich hoffnungslos verlaufen. Erst nach 2 Stunden habe ich meine Situation eingesehen und Herrn Onno Wei angerufen um ihn um Hilfe zu bitten. Und wieder habe ich eine Lektion gelernt die mir in späteren Zeiten sehr geholfen hat: „Vertraue nie deinen Mitarbeitern in China. Auch wenn es eigentlich ihre Pflicht ist dir behilflich zu sein.“ Herr Wei hat mir einfach gesagt, dass er gerade beim Sport ist und dass ich ihn später anrufen soll. Als mir klar wurde, dass ich auf mich selbst gestellt bin habe ich meinen Weg in den nächsten 2 Stunden dann doch gefunden. 4 Stunden vor dem Unterricht die Wohnung zu verlassen hat mir zwar geholfen rechtzeitig vor meinen Studenten zu stehen aber ich hatte einen riesen Hunger. Mein erster Tag hatte ein Ende gefunden... Ich auch. Zuhause angekommen habe ich mich sofort über alles Essbare gemacht was ich auf meinem (nun bekannten) Weg zurück gekauft hatte. Mit vollem Magen und schwirrendem Kopf habe ich mich auf mein Bett geschmissen. Das hätte ich nicht tun sollen, denn ich hatte vergessen, dass mein Bett eigentlich nur ein Holzkasten war das keine Matratze hatte. Nun tat mir auch mein Rücken weh. Die folgenden Tage habe ich neben meinem Unterricht damit verbracht nach genießbaren Lebensmitteln zu suchen und meine Mitarbeiter davon zu überzeugen, dass ich Internet, eine Matratze und Kochmöglichkeiten brauche. Obwohl ich mit dem Genießen bis heute meine Probleme habe, hatte ich mit dem Rest, wenn auch mit Verlust meiner Nerven, teilweise Erfolg. Die nächsten Tage waren die reinste Herausforderung für mich. Die meisten meiner Studenten haben nicht vor, nach Deutschland zu reisen und besuchen meinen Unterricht nur, weil ihre Eltern es so möchten. Ich habe große Probleme, sie an den Unterricht zu binden und ihnen die nötige Konzentration abzuverlangen doch mit gutem Willen und gezielten Aktionen in der Klasse kann man viel erreichen.

05.12.2009

Werner ist nach Hangzhou gekommen. Es hat mich viel Überwindungskraft gekostet Herrn Hutterer Werner zu nennen. Ich weiß auch nicht warum aber ich möchte doch lieber eine gewisse Distanz zwischen mir und meinen Vorgesetzten haben doch ich habe eingesehen, dass dies hier nur bedingt möglich ist. Ralf B., ein in Deutschland verschuldeter Mann mit 42 Jahren der auch an der Universität als deutsch Lehrer arbeitet, Werner und ich haben uns zum Kaffee getroffen um über die Probleme zu sprechen die uns unsere Arbeit erschweren. Ralf und ich hatten schon jetzt die Nase voll von der Art und Weise wie man uns an der Universität behandelt. Es ist kurz nach unserem Treffen klar geworden, dass Ralf nicht mehr lange mit mir zusammen arbeiten wird. Mir ist klar geworden, dass meine beiden chinesischen Mitarbeiter das Sagen haben und dass ich eigentlich nur ein Vorhängeschild für die Universität bin denn ein deutscher Lehrer bringt mehr Studenten die gut bezahlen. Werner hat zwar unsere Bedenken und Vorschläge an meine chinesischen Kollegen weitergeleitet, ist aber noch am selben Abend abgereist und hat nichts kontrolliert. Somit war alles beim alten. Ich habe es jedoch zwei Wochen nach meiner Ankunft geschafft eine Matratze, eine Herdplatte und Internetanschluss zu bekommen. Vor meiner Ankunft wurde mir gesagt, dass 500 € für chinesische Verhältnisse sehr viel Geld ist und dass ich sehr gut damit leben kann. Mir wurde aber verschwiegen, dass Hangzhou eines der teuersten Städte in China ist. Ich wurde, wie gesagt, in der Nähe der Universität untergebracht. Dieser Teil der Stadt heißt Xiasha und ist 30 km entfernt von Hangzhou. Da ab 22:00 abends kein einziger Bus mehr fährt und eine Taxifahrt für das wenige Geld was ich bekomme schon recht viel kostet habe ich versucht mich auf das Leben in Xiasha zu konzentrieren. Schade nur, das in Xiasha nun wirklich nichts ist. Nun könnten böse Zungen behaupten, dass es doch eine Studentenstadt ist und dass es hier viele Möglichkeiten für Studenten geben muss doch dem ist leider nicht so. Chinesische Studenten sind ganz anders als alle anderen Studenten die ich gesehen habe und ich habe viele Studenten aus verschiedenen Kulturen (Deutsch, Türkisch, Arabisch, Englisch) gesehen. Jedes Mal wenn ich sie gefragt habe was sie denn abends machen und wie sie sich amüsieren haben sie mir gesagt, dass sie entweder schlafen oder PC Spiele spielen. Nun stand ich da, in Xiasha und konnte nur selten nach Hangzhou fahren was es mir auch unmöglich gemacht hat sozial zu werden.

13.12.2009 – 09.01.2010

Meine Studenten werden von Tag zu Tag besser und es freut mich zu sehen wie sie sich entwickeln. Diejenigen die wirklich Interesse am Unterricht haben können schon bald die Prüfung machen und das sind nicht wenige. Obwohl das chinesische Bildungssystem auf das Auswendiglernen baut und die meisten Chinesen nie etwas wirklich lernen sondern nur auswendiglernen habe ich meine Studenten in 2 Monaten dazu bewegen können sich aus diesem Rahmen zu wagen. Chinesische Namen sind für Europäer schwer zu behalten deshalb bekommen alle chinesischen Studenten irgendwann einen westlichen Namen. Für mich war dies am Anfang inakzeptabel. Ich dachte, dass diese Tradition ihre Wurzeln in der Kolonialzeit hatte und ich wollte dagegen angehen. Als ich jedoch verstanden habe, dass es nahezu unmöglich für mich ist die wirklichen Namen meiner Studenten im Kopf zu behalten und dass ihre Namen sehr ähnlich klingen musste ich meinen Idealismus aufgeben. Stellt euch eine Gesellschaft vor in der es nur 20 Nachnamen gibt und die aus 1,3 Milliarden Menschen besteht. Ich musste meine Ideale mehrmals neu formen seitdem ich hier bin. Erfolgreiche Studenten vorziehen und diese mit mehr Zuneigung zu überschütten ging mir gegen den Strich. Um sich den Job zu erhalten tun aber fast alle Lehrer in China genau das. Es ist sehr wichtig, dass die Schüler mit dem Unterricht zufrieden sind. Denn diese erstatten ihren Eltern Bericht die wiederum die Gebühren Zahlen. Ergo: Ein Lehrer der seine Schüler in jeder Unterrichtsstunde 10 Minuten schlafen lässt kann seinen Job behalten während ein anderer der versucht seinen Schülern 45 Minuten lang etwas beizubringen entlassen wird. Es fällt mir sehr schwer das Bildungssystem in China zu verstehen. Einer meiner Studenten hat mir mal gesagt, dass niemand von keinem Fach durchfällt. Die Studenten werden einfach nur durchgeschleust und in die Arbeitswelt entlassen wo sie für wenig Geld 12 Stunden am Tag arbeiten sollen... Irgendwo in mir ist allerdings der Journalist der nach größeren Herausforderungen schreit. Ich weiß nicht wie lange ich dies ignorieren kann doch eines ist sicher: Nicht sehr lange!

Die Wohnung in der ich untergebracht wurde hat nur eine Klimaanlage als Heizmöglichkeit und diese reicht bei weitem nicht aus. Das Resultat war, dass ich in kürzester Zeit mehrmals erkrankt bin. Was sollte auch sonst bei einer Innentemperatur von 14-16 Grad passieren? Ich wollte mir die Möglichkeit behalten, jeden Moment zurück zu fliegen deshalb habe ich mir die ganze Winterzeit über keinen externen Heizkörper gekauft. Wie gesagt, mein Gehalt ist nicht sehr hoch und ich möchte nicht auch noch in dieses „Nest“ investieren. Ich habe mir elektrische Wärmflaschen gekauft und gehe mit diesen schlafen…

Sylvia ist hier... Es ist so schön wieder mit jemandem sprechen zu können. Heide Kröger, eine Hamburgerin die seit längerer Zeit für die Universität arbeitet aber nur ein bis zwei Mal im Jahr für kurze Zeit nach China kommt um entweder einen Crashkurs zu geben oder die Prüfung für das Goethe-Zertifikat abzunehmen, ist auch gekommen. Sie möchte über die Weihnachtszeit hier bleiben um Anfang des nächsten Jahres die B2 Prüfung mit meinen Studenten zu machen. Nachdem sie bei mir im Unterricht war und gesehen hat wie ich unterrichte hat sie mir angeboten mir ein Seminar zu geben und mich als Prüfer zu zertifizieren. Natürlich war mir sofort klar, dass sie keine Lust hatte im Sommer nochmal nach China zu kommen und mir deshalb dieses Angebot gemacht hatte aber ich fand Zertifikate schon immer schön und habe deshalb dankbar angenommen. Ende Dezember sollte ich nach Hong Kong fliegen. Ich hatte schon viel über diese Stadt gehört und wollte schon immer mal nach Hong Kong. Für mein Arbeitsvisum dorthin reisen zu müssen empfand ich als wunderschöne Gelegenheit. So wie sie die ganze Zeit über gegrinst hat, bin ich mir sicher, dass Sylvia meine Gefühle geteilt hat. Der einzige Sorgenfleck an der Sache war dass ich bis zum 27.Dezember noch kein Gehalt auf meinem Konto hatte und am 28. Dezember fliegen musste. Alles musste ich im voraus bezahlen und gelinde gesagt hatte ich nicht allzu viel Vertrauen an die Zahlungsmoral der Universität. Nachdem ich mehrmals offen meine Meinung über das „nicht überweisen meines Gehalts“ gesagt habe wurde es dann doch am Tag meiner Abreise überwiesen.

Hong Kong war ein tolles Erlebnis für uns zwei. Wir haben die Silvesternacht auf den Straßen Hong Kongs verbracht und haben so viele Fotos gemacht, dass es schon fast unmöglich war sie ohne Pause anzugucken. Schade, dass wir schon am 04. Januar zurückkommen mussten. Sobald wir in Xiaoshan (Flughafen) waren haben auch die Probleme wieder angefangen. Taxifahrer wollten einen zu hohen Preis um uns nachhause zu fahren und ich musste erst mal eine Stunde lang verhandeln bis wir einen relativ normalen Preis bezahlen mussten. Ich habe zwar Onno Wei angerufen damit er mit den Taxifahrern am Telefon verhandeln kann aber die Lektion die ich am ersten Tag gelernt hatte war leider immer noch aktuell. Heide hat mir angeboten, mich zu zertifizieren und mir die Möglichkeit zu geben B1 und B2 Prüfungen für die deutsche Sprache durchzuführen. Obwohl ich genau wusste, dass sie es mir nur angeboten hat weil sie nicht noch einmal nach Xiasha kommen möchte, habe ich dankbar angenommen und das Seminar mit ihr gemacht… Zuerst ist Heide zurückgeflogen, dann Sylvia. Ich bin wieder ganz alleine in Xiasha.

10.01.2010

Ich hatte nun mein Arbeitsvisum und dachte, dass ich bis Anfang Februar meinen Unterricht wie gehabt führen kann und noch Zeit habe meine Studenten auf die kommenden Ferien (in denen ich nicht bezahlt werden sollte) vorzubereiten. Denn das Erlernen einer Sprache ist meiner Meinung nach nicht nur etwas fürs Klassenzimmer sondern auch eine Sache die man in der eigenen Freizeit verfolgen muss. Als ich an diesem Tag zum Unterricht gegangen bin habe ich mir unterwegs Gedanken gemacht wie ich meine Studenten für das Lesen von deutschen Büchern oder fürs deutsche Fernsehen interessieren kann. Ich hatte schon einige Hörbücher bereitgestellt und wollte diese meinen Studenten als Hausaufgabe mitgeben. Ich weiß nicht mehr die wievielte Lektion es ist aber zweifelsohne ist es eine sehr wichtige: „Vertraue niemals auf den Zeitplan der von einem Chinesen gemacht wurde.“

Als ich an diesem Tag im Büro angekommen bin habe ich erfahren, dass meine Studenten keinen Unterricht mehr haben werden. Sie mussten Klausuren schreiben und ich hatte mit sofortiger Wirkung 1,5 Monate Ferien mit der Ausnahme, dass ich bis zum Ende des Monats Januar abrufbereit in Hangzhou bleiben musste. Erst später sollte ich erfahren, dass alle Restaurants und die meisten Supermärkte in meiner Umgebung den Februar über auch geschlossen werden. Zum Abschied wurde ich mit meinen beiden Kollegen von unseren Studenten zum Essen eingeladen. Chinesische Studenten laden Ihre Lieblingslehrer am Ende des Semesters zum Essen ein und ich finde diese Tradition einfach wunderbar denn an diesem Abend wird aus dieser Gruppe eine große Familie. Studenten sind traurig, dass sie ihre Freunde längere Zeit nicht sehen werden und die Lehrkräfte sind glücklich dass sie endlich urlaub machen können. In diesem fall war es auch noch das Abschlussjahr. Obwohl ich der Einzige in dieser Familie war der kein Wort verstanden hat, habe ich zu allem lächelnd und nickend mein Kommentar abgegeben. Natürlich kann ich es verstehen, wenn Absolventen den Gedanken der Trennung als körperlichen Schmerz empfinden (been there, done that) aber warum um Gottes Willen muss jeder einzelne Absolvent eine Rede von 5 Minuten halten wenn man sich am nächsten Tag doch wieder sehen wird. Mir kam das ganze zwar wie eine große Show vor doch wie gesagt habe ich meine „falschen“ Kommentare nur nickend und lächelnd abgegeben. Als wir aus dem Restaurant herauskamen waren wir glücklich und zufrieden. Ich kann es mir nur durch meine monatelange Abstinenz erklären, dass ich meine Studenten gefragt habe wo es weitergehen soll... Es war nun wirklich eine rein rhetorische Frage doch einmal gestellt konnte ich auch nicht mehr zurück. Onno war schon längst weg. Ying hingegen ging meines Wissens nach öfters mit den Studenten aus (Da es in China mehr auf die Beliebtheit des Lehrers ankommt als auf den Erfolg ist dies eine gute Arbeitserhaltungsmaßnahme). Wir sind ins KTV gegangen. Nennen wir es die chinesische Disco oder die fernasiatische Kneipe. Jede Gruppe bekommt einen Raum in dem sich eine lange Couch, ein Tisch, ein PC, ein Großbildschirm und zwei Mikrophone befinden. Es ist eigentlich nichts anderes als eine Karaoke bar.

Das KTV in China jedoch hat mehrere Facetten. Für Handelsmänner ist es ein Hurenhaus in dem man maßlos trinkt und Geschäfte abwickelt, denn am Schreibtisch werden hier keine Geschäfte gemacht. Außerdem kann man hier den Mädels auch beim Singen zuhören wenn man möchte. Für junge Leute ist es eine Disco in der man die Räumlichkeiten auch zum knutschen missbrauchen kann. Ich gebe ja gerne zu, dass es vielleicht etwas tolles ist aber nach 3 Stunden chinesischer Musik konnte ich einfach nicht mehr und habe mich dezent davongemacht. Als ich um 03 Uhr morgens zuhause ankam, wieder einmal vom Taxifahrer übers Ohr gehauen und müde, habe ich mir geschworen nie wieder chinesische Musik zu hören.

04.02.2010

Seit einigen Tagen mache ich mir Gedanken ob ich für den Monat Januar bezahlt werde oder nicht. Wenn nicht, kann ich gleich meine Sachen packen und den nächsten Flieger nach Deutschland nehmen. Denn abgesprochen war nur der Februar ohne Gehalt und wie gesagt Hangzhou ist eine teure Stadt. Es ist kalt in meiner Wohnung. Ich habe den Mini-Herd den ich mit Sylvia zusammen gekauft habe neben mein Bett gestellt und versuche so eine angenehmere Zimmertemperatur zu erreichen... Ohne Erfolg. Ich überlege mir öfters warum ich überhaupt nach China gekommen bin. Ich meine mich erinnern zu können, dass ich mal darüber nachgedacht habe die Sprache zu erlernen, mehr über die Kultur zu erfahren und schöne Fotos zu machen. Pustekuchen! Ich kann vieles sagen aber alles was ich sage kann man auf einen einzigen Satz reduzieren: „Ich fühle mich hier nicht wohl!“. Ich bin isoliert, ich hatte eine schönere Wohnung während meiner Studienzeit und obwohl ich nicht so ein Vielfraß bin vermisse ich doch das gewohnte Essen. Ich bin mir sicher, dass mein deutscher Direktor nur gute Absichten hatte doch wusste er bestimmt nicht wie isoliert man hier ist. Onno und Ying hingegen wussten es ganz genau. Entweder sind es einfach nur dumme Individuen oder sie wollen mich eigentlich gar nicht hier haben. Ich denke das zweite ist der Fall. Sie brauchen mich und wollen mich doch nicht hier haben. Als ich eine genaue Antwort über mein Gehalt für den Monat Januar haben wollte hat Ying gesagt: „Obwohl du ja die meiste Zeit nicht gearbeitet hast, hat die Leitung großzügigerweise entschieden, dass du dein volles Gehalt bekommen sollst.“. Ich fand die Aussage einfach herrlich, denn sie hatte genauso wenig gearbeitet wie ich und wie ich später erfahren sollte hatte sie auch noch einen Neujahrsbonus bekommen. Die Chinesen wurden lange Zeit von der westlichen Welt als billige Arbeitskraft misshandelt. In vielen Bereichen wird dies immer noch gemacht. Doch besonders im Bildungswesen wird zurückgezahlt. Mehrere Bekannte von mir die auch in China arbeiten spüren dies` am eigenen Leib. Ich habe beschlossen öfters nach Shanghai zu fahren, in Xiasha fällt mir die Decke auf den Kopf und wenn ich nach Hangzhou fahre kann ich genauso gut auch nach Shanghai weiter fahren. Es ist eine der modernsten chinesischen Städte um nicht zu sagen die modernste. Politische Korrektheit verlangt es zu sagen, dass Hong Kong noch viel moderner ist aber da könnte man ja behaupten, dass diese keine chinesische Stadt ist. Es gibt so viel was ich in Xiasha vermisse. Wurst, Käse und richtiges Brot waren mir noch nie so wichtig wie in den letzten Monaten. Ein Cafe mit richtigem Kaffee gibt es in Xiasha auch nicht. Wenn auch überteuert, kann ich diese Sachen in Shanghai finden und seitdem ich einen Amerikanischen Geschichtslehrer namens Scott kennengelernt habe machen mir diese Wochenend Trips immer mehr Spaß. Scott kommt aus dem Süden der Vereinigten Staaten und beschwert sich öfters über die Menschen die dort leben. Nach seiner Aussage sind die „Südländer“ sehr konservativ und sehen alles aus einer eher religiösen Perspektive. Dass Barrack Obama Präsident geworden ist, soll eine Welle der Empörung ausgelöst haben und Verschwörungstheorien gegen weiße sollen weit verbreitet sein. Obwohl er meistens „gestoned“ ist kann man mit ihm sehr gut über Geschichte und Politik diskutieren und er hat mir angeboten bei ihm zu übernachten wenn ich nach Shanghai komme.

10.02.2010

Ich fahre immer öfter nach Shanghai. Scott´s Angebot habe ich dankbar angenommen und so muss ich auch nicht mehr ein Vermögen für Hotels bezahlen. Shanghai ist keine sehr schöne Stadt. Kulturell hat sie nicht viel zu bieten aber wie schon gesagt, die Möglichkeit wie gewohnt zu essen und eine intelligente Konversation zu führen ziehen mich dorthin. Der Zug zwischen Shanghai und Hangzhou ist ein Schnellzug. In Deutschland ICE genannt, braucht dieser nur 1,5 Stunden für diese Strecke. ICEs werden in China nur für wichtige Strecken eingesetzt aber wenn man sich überlegt wie unglaublich groß das Land ist, ist selbst dies´ eine lobenswerte Leistung. Die Reisekultur ist natürlich eine ganz andere hier. Nachdem man sich ein Ticket kauft, das bei weitem günstiger ist als in Deutschland, begibt man sich in einen Warteraum in dem alle Reisenden warten. Nachdem der Zug bereitgestellt wurde, wird man aufgerufen um einzusteigen und auf dem Weg zum Zug werden alle Tickets kontrolliert. Obwohl ich vieles in China als unlogisch sehe, denke ich, dass dies´ doch eines der wenigen Sachen ist die eine höhere Logik als in Deutschland aufweist. Ich habe noch den ganzen Februar vor mir. Xiasha ist generell ein langweiliger Ort aber jetzt wo ich noch nicht einmal meine Arbeit habe die mich ablenkt bekomme ich die ganze Langeweile zu spüren. Manchmal, wenn ich in Shanghai bin und einpaar Bars besucht habe, möchte ich gar nicht zurück fahren doch ich möchte Scott´s Gastfreundschaft nicht überstrapazieren. Die meisten Ausländer, die ich hier kennengelernt habe, fürchten unergründlicherweise sozialen Kontakt. Ich liebe es Menschen kennenzulernen und zu kommunizieren, daher habe ich auch in Xiasha Austauschstudenten aus Afrika kontaktiert und versucht diesen Kontakt beizubehalten. Nach einiger Zeit in der ich der Einzige war der angerufen und Treffen vorgeschlagen hat wollte ich nicht aufdringlich erscheinen und habe nicht noch einmal angerufen. Auch in Hangzhou habe ich Leute kennengelernt die Angst hatten über ihren Job oder politische Themen zu sprechen. Ich denke sie befürchten ihre Kunden oder Lieferanten zu nennen was mich nun wirklich garnicht interessiert. Über Politik reden sie nicht weil sie in China bleiben und weiterhin arbeiten wollen was ich verstehen kann aber das hindert mich nicht daran, sie als Feiglinge zu identifizieren.

15.02.2010

Das muss ich einfach niederschreiben. Diese Erinnerung zu vergessen wäre ein Verlust für die Menschheit. Wie so oft in den letzten Wochen war ich wieder einmal in Shanghai. Über Shanghai kann man viel sagen. Auch viel Negatives. Wenn man aber so wie ich in einer kleinen Vorstadt von Hangzhou lebt und hier wie ein Außerirdischer behandelt wird dann freut man sich, als ganz normaler Mensch die Straßen entlang laufen zu können und auch ab und zu sozialen Kontakt zu anderen Menschen zu haben. Shanghai ist einfach toll.

Da ich an diesem Tag am Vorabend in Xiasha sein wollte hatte ich mir schon in Voraus meine Rückfahrt arrangiert. Mein Zug fuhr um 14:00 Uhr und ich habe mich schon um 12:30 Uhr von Scott verabschiedet um rechtzeitig am Bahnhof zu sein. Da ich das Ticket in der Hand hatte, dachte ich, dass es klar wäre zu welchem der beiden Bahnhöfe der Taxifahrer fahren soll. Der Taxifahrer hat das Ticket ungefähr 2 Minuten lang studiert, genickt und ist losgefahren. Am Bahnhof angekommen, habe ich nach längerem Suchen festgestellt, dass es der falsche Bahnhof war. Schnell mit der U-Bahn zum anderen Bahnhof. Doch als ich dort ankam war es schon zu spät und ich hatte den Zug verpasst. Ich musste mir ein neues Ticket kaufen das 3 Stunden später wieder vom ersten Bahnhof abfuhr. Ich hatte großen Hunger und da es in Xiasha hauptsächlich Reis zu essen gibt bin ich noch ein letztes Mal ins Burger King gegangen wo ich auch gleich vier Türkische Studenten kennengelernt habe die an der gleichen Universität wie ich studiert haben. Es war so nett, dass ich fast wieder meinen Zug verpasst hätte. Nach einer angenehmen Fahrt von 2 Stunden war ich in Hangzhou. In Hangzhou musste ich zuerst zum Hangzhou Tower um dort in die B1 einzusteigen die mich nach Xiasha fährt. Doch als ich vom Bahnhof raus kam hörte ich jemanden „Xiasha“ schreien und sah, dass ein Minibus bereit zum Abfahren stand. Weil ich wusste, dass viele Ortschaften ähnliche Namen haben, habe ich den Namen meines Zielortes mehrmals wiederholt um sicher zu gehen. Ich habe wildes Nicken und viele „Xiasha“s geerntet. Also bin ich eingestiegen und habe mich selbst gelobt indem ich mir ausgerechnet habe wie viel Zeit ich jetzt gespart habe. Doch mir war trotzdem nicht ganz wohl bei der Sache. Ich habe die ganze Fahrt über aus dem Fenster geschaut um etwas Bekanntes zu entdecken. „Er fährt bestimmt eine andere Strecke.“ oder „Der fährt bestimmt eine Abkürzung.“ waren meine Argumente um mich selbst zu beruhigen. Es war mittlerweile 21:00 Uhr, der letzte Bus fuhr in einer Stunde und ich hatte kein Geld mehr für ein Taxi. An einem Gottverlassenem Ort sind alle ausgestiegen und mir wurde mit Händen und Füßen klargemacht, dass dies die Endhaltestelle war. Ich war genervt und durcheinander. Ein Bus stand etwa 100 m entfernt von mir an einer Haltestelle. Ich bin so schnell gerannt wie ich nur konnte um einzusteigen. Es war der letzte Bus. Mir selbst auf die Schulter klopfend fuhr ich nun denselben Weg wieder zurück den ich eben erst gefahren bin. Ein Problem hatte ich aber immer noch. Was wenn ich den letzten Bus nach Xiasha verpassen würde?! Unruhig habe ich einen Bekannten in Hangzhou angerufen um zu fragen ob ich in so einem Fall bei ihm übernachten könnte doch der hat mir gesagt, dass er bei seiner Freundin ist und andere Bekannte waren nicht in Hangzhou. In Hangzhou angekommen, es war 21:55 Uhr, bin ich wie ein Irrer gerannt. Ich habe die B1 gekriegt und durfte stehend eine Stunde fahren um nachhause zu kommen. Glücklich im Bett habe ich mir gedacht „ Nie wieder Shanghai.“ doch das war so ein Gedanke wie „Nie wieder Alkohol.“.

24.02.2010

Gegen Ende des Monats musste ich zum Zahnarzt weil ich in einem Restaurant einen Unfall hatte. Unter Hühnchen verstehe ich für gewöhnlich Hühnerfleisch und nicht mit Knochen bedeckte Hühnerhaut. Doch auch hier musste ich kulturelle Differenzen hart zu spüren bekommen, dies´ Mal mit Zahnschmerzen. Als ich beim Zahnarzt war und mich behandeln lassen wollte, hat man mir gesagt, dass die Behandlung umgerechnet 100 Euro kosten wird (gut, dass ich vorher gefragt habe). Meines Wissens nach war ich Krankenversichert also kein Problem… Denkste! Ich habe noch beim Zahnarzt Onno angerufen um zu erfahren wie die Zahlung funktionieren wird. Wie immer hatte er keine Ahnung und hat mich an Ying verwiesen die nicht an ihr Handy gehen wollte. Ich wollte kein Risiko eingehen und habe mit dem Zahnarzt einen Termin für den nächsten Tag gemacht. Nach mehreren Versuchen habe ich es dann doch geschafft Ying an die Strippe zu bekommen. Sie hat mir eine lange Nummer genannt die ich als Versicherungs-Nummer angeben soll und mir nochmals versichert, dass meine Krankenversicherung wie im Vertrag angegeben läuft. Als ich am nächsten Tag beim Zahnarzt meine Versicherungs-Nummer genannt habe hat er zunächst dumm geguckt dann frech gegrinst. Noch vor der Behandlung wollte er sein Geld haben. Nach der Behandlung, konfus und betäubt, habe ich nicht einmal daran gedacht eine Quittung zu verlangen.

Als am 01. März das Semester wieder angefangen hat, wollte ich das Thema mit Ying besprechen. Sie hatte sich darauf vorbereitet und hat mir gesagt, dass ich nur im Krankenhaus behandelt werden darf (also keine privat Praxen die der englischen Sprache mächtig sind) und dass ich ihr die Quittungen geben soll sobald diese eine Summe von umgerechnet 100 Euro haben, damit sie diese der Versicherung zuschicken kann. Sie hat mir gesagt, dass ich beim Zahnarzt über den Tisch gezogen wurde. Als ich gesagt habe, dass dies doch inakzeptabel ist, hat sie gesagt: „Mehr Geld von Ausländern zu verlangen ist eine Chinesische Tradition.“. Ich habe nach unserem Gespräch mit Ying, eine E-Mail an meine Versicherung geschickt die unbeantwortet bleiben sollte.

Ich habe Ying darum gebeten, eine bessere Stundenplanung mit der Zusammenarbeit unserer Studenten zu machen. Letztes Semester habe ich mehr als 8 Stunden Unterrichtszeit verloren weil die Studenten nicht wussten, dass wir Unterricht haben werden. Es ist eine sehr dumme Situation wenn man nicht weiß warum die Klasse so leer ist und man 20 Minuten wartet. Ich habe wieder 2 Gruppen zu unterrichten. Eine Gruppe ist im Grunde schon bereit nach Deutschland zu kommen (auf Papier). Es sind 5 Studenten mit denen ich Wirtschaftsdeutsch lerne und immer wieder schockiert bin, dass sie weniger über Wirtschaft wissen als ein Biologie Student. Ich habe übers Wochenende für eine Firma gearbeitet die mich für 2 Tage auf der Textilien Messe haben wollte. Abgemacht waren 300 € für zwei Tage. Ich sollte mich als der Importmanager der deutschen Niederlassung dieser Firma ausgeben, nach Preisen fragen, verhandeln und am Abend mit Chefs verschiedener chinesischen Firmen zu einem Geschäftsessen kommen. Am Ende dieser 2 Tage hat ein Mitarbeiter der Firma mir RMB 1200 (115 €) in die Hand gedrückt. Noch eine Lektion für mich: Mit Chinesen muss man immer auf Vorkasse arbeiten.

Der 8. März war wieder mal ein Tag an dem ich am liebsten den nächsten Flieger genommen hätte doch bei dem Gehalt das ich bekomme war eine so spontane Aktion nicht möglich. Ich hatte um 8:20 Uhr zwei Stunden Unterricht mit meiner großen Gruppe. Als ich früh morgens im Büro war, habe ich erstaunlicherweise auch Onno im Büro vorgefunden. Onno ist in einer Position, in der er nicht ins Büro kommen braucht und wenn er da ist spielt er lieber „Fifa“ als sich mit unseren Studenten zu befassen. Auch wenn er es wollte sind seine Deutschkenntnisse nicht ausreichend um halbwegs fortgeschrittene Studenten zu unterrichten. Er hat mir gesagt, dass ich am Ende des Semesters mit einer anderen Lehrkraft aus Deutschland zusammen die B1 Prüfung für mehr als 15 Studenten machen werde. Da ich die Nase voll hatte ausgenutzt zu werden habe ich ihm dezent klargemacht, dass dies nur gegen Bezahlung geschehen wird und habe ihm einen Vorschlag gemacht nach dem die Universität mir ein Flugticket für den Sommer garantiert und ich im Gegenzug die Prüfungen mache. Er wollte es mit der Leitungsebene besprechen aber es war deutlich, dass er gar nicht glücklich war.

Als Ying ins Büro kam, hat sie mich mit großen Augen angeguckt und mich gefragt warum ich denn im Büro sei. Ich habe ihr gesagt, dass ich Unterricht habe und in 5 Minuten im Klassenzimmer sein muss. Sie wurde richtig nervös, hat Onno etwas auf Chinesisch gesagt und ist schnell wieder aus dem Büro gehuscht. Als ich gesehen habe, dass Onno sein Handy rausholt habe ich ihn gebeten das Telefon auf den Tisch zu legen und mir zu erzählen was los ist. Ich wusste schon längst Bescheid was passiert war aber ich wollte es von einer anderen Person hören. Ying hatte wieder einmal vergessen meinen Stundenplan an die Studenten weiterzuleiten. Folglich würde die Klasse leer sein und meine Mitarbeiter wussten wie ich darauf reagieren würde. Ich habe Onno gesagt, dass es Blödsinn ist jetzt die Studenten anzurufen. Wir hatten nur 2 Stunden am Vormittag und es würde mindestens eine Stunde dauern bis sie kommen könnten. Ich hatte auch keine Lust eine ganze Stunde auf die Studenten zu warten also habe ich gesagt, dass der Unterricht für den Vormittag gestrichen ist und bin nachhause gegangen. Ich war genervt und vom Regen durchnässt als ich zuhause ankam. Erst nachdem ich mich umgezogen habe und mir ein Glas Tee genommen habe hat mein Handy geklingelt. Es war Inge, eine Studentin, die mich fragt wo ich denn sei und dass auf Onnos Wunsch alle Studenten in die Klasse gekommen sind. Es war 09:20 als ich den Anruf bekam und wir hatten die Klasse nur bis um 10:00 Uhr. Letztes Semester wäre ich nochmal losgelaufen und hätte die 2 Stunden im Büro gemacht. Jetzt sehe ich das nicht mehr ein. Ich habe ihr gesagt, dass der Unterricht ausfällt und habe mich geärgert, in was für eine Lage ich gebracht wurde. Eine Woche später habe ich per sms Onno gefragt was denn jetzt mit der Prüfung ist und Onno hat mir wieder per sms mitgeteilt, dass mein Vorschlag abgelehnt worden ist.

15.04.2010 – 01.05.2010

Wie gesagt habe ich 2 Gruppen zu unterrichten. Eine kleine, mit der ich überwiegend Wirschaftsdeutsch mache und eine große, die ich auf die B1 Prüfung vorbereiten soll.

Obwohl ich des Öfteren nachgefragt habe, bekam ich kein Lehrmaterial also strukturierte ich meinen Unterricht selbst in dem ich Texte aus Zeitschriften nahm und Vokabel-Übungen mit den Studenten machte. Da ich kein Buch benutzen kann auf dem „B1 Prüfung“ steht, denken meine Studenten und auch meine Kollegen, dass ich keinen Prüfungsorientierten Unterricht mache aber das ist falsch. Ich habe jetzt über einen Monat mit angesehen, dass immer weniger Studenten meinen Unterricht besuchen. Am Anfang des Semesters kamen alle 28 Studenten doch das hat sich rapide verändert. Gegen Mitte des letzten Monats fing es an, dass nur die Hälfte der Klasse anwesend war. Sobald ich das sah habe ich mit Ying darüber gesprochen und gefragt ob denn die Studenten anderweitig beschäftigt sind. Mein Selbstvertrauen war am Boden als sie mir gesagt hat, dass die gleichen Studenten in ihrem Unterricht vollzählig anwesend seien und dass ich Sie nicht für den Unterricht begeistern könnte. Es wurde immer schlimmer. So schlimm, dass ich gegen Mitte diesen Monats nur noch 4 Studenten hatte die an meinem Unterricht regelmäßig teilnahmen. Verzweifelt habe ich in dieser ganzen Zeit versucht, meinen Unterricht interessanter zu gestalten und verschiedene Spiele mit einzuflechten. Gestern konnte ich einfach nicht mehr und habe mit den 4 Studenten eine Diskussionsrunde veranstaltet in der Sie mir sagen sollten was Ihnen am Unterricht nicht gefällt. Als mir bestätigt wurde, dass mein Unterricht diesen 4 Studenten sehr viel Spaß macht, habe ich gefragt warum denn die anderen nicht kommen. Die Antwort hat mich rasend gemacht. Ying und Onno hatten ohne es mir zu sagen, meinen Unterricht als „Freiwillig“ eingestuft. Ich muss dazu sagen, dass meine Studenten zwar alle erwachsen aber keinesfalls selbstständig sind. Wenn man Ihnen die Wahl lassen würde, würden Sie gar nicht zur Uni kommen und das wussten meine beiden Kollegen ganz genau. Es war ein dreckiges Spiel das hier gespielt wurde. Mir wurde klar, dass man mich hier einfach nur kleinhalten wollte und selbst Mobbing als Werkzeug benutzt werden konnte.

Ich habe Eva kennengelernt. Eva ist eine Englisch Lehrerin die an unserer Uni arbeitet. Sie ist eigentlich gar keine Lehrerin und auch keine Britin. Trotzdem ist sie als „Native speaking language expat“ eingestellt. Sie hat mir erzählt, dass sie sich für ein Jahr verpflichtet hat in verschiedenen Ländern Englisch zu unterrichten um am Ende dieser Zeit ihr Lehrer-Zertifikat zu bekommen. Ich finde die Idee schön ein ganzes Jahr die Welt zu bereisen indem man nebenbei unterrichtet aber so wie ich das System verstanden habe ist es nichts weiter als Abzocke was man mit ihr macht. Trotzdem fand ich es toll als sie mir Fotos von Süd-Afrika und Indien gezeigt hat. Sie ist auch so ein Fotofreak wie ich also gehen wir zusammen öfters spazieren und machen Fotos. Jetzt bin ich in Xiasha nicht mehr so alleine. Leider ist es schon zu spät, denn ich überlege mir ernsthaft am Ende des Semesters zu kündigen.

Eva ist eine lustige Person. Sie ist eigentlich Griechin und als ich ihr gesagt habe, dass ich Türkischstämmig bin hat das sie nicht daran gehindert Türken als Muslimische Affen zu bezeichnen. Das typische „Aber du bist anders.“ kam natürlich dazu aber das kenne ich ja schon aus Deutschland: Ich bin komischerweise immer anders. Eva ist eine kleine Rassistin die Afrikaner als dumm und Chinesen als boshaft und ekelhaft bezeichnet. Ich für meinen Teil verurteile sie nicht deswegen denn selbst ich mag die chinesische Kultur nicht mehr. Am Anfang fand ich das Land und die Menschen sehr interessant und habe mit großem Respekt versucht allem näherzukommen. Mein Interesse und meine Achtung haben sehr nachgelassen. Nun finde ich das Land sehr schön möchte aber, aus tausend Gründen, mit den Menschen hier wenig zu tun haben. Ich versuche wenig über solche Sachen mit Eva zu sprechen doch manchmal geht es nicht anders und ich höre mir an was sie zu sagen hat. Interessanter finde ich, dass nach ihrer Aussage auch ihre Freunde in England und Griechenland dieser Meinung sind. Wenn das so ist, haben wir ein kleines Problem!!!

Es wird immer wärmer und im Sommersemester werden in Xiasha immer wieder neue Läden eröffnet. Eva und ich haben eine Disco und eine Pizzeria entdeckt und haben uns wie kleine Kinder gefreut. Ich habe seit einiger Zeit noch einen neuen Freund: Mein Postbote Zhe Heng hat mir mit einem schlechtem Englisch klargemacht, dass er doch mit mir Englisch üben möchte und ich habe mit Freude angenommen. Vor einer Woche waren wir Basketball spielen und ich habe mich recht schlimm am Knie verletzt. Zhe Heng hatte richtig Angst um mich und dachte, dass ich mich nicht mehr mit ihm treffen würde. Der Junge ist lieb. Vor kurzem waren wir am Westlake wo ich Fotos von ihm gemacht habe.

Habe ganz nebenbei herausgefunden, dass mein Vertrag gar nicht rechtsgültig ist. In jedem Land reicht die Unterschrift beider Seiten um einen Vertrag gültig zu machen. In China ist es wegen den vielen Fälschungen anders. Ohne einen roten Stempel darunter ist kein Dokument gültig. Nachdem ich das gehört habe und es mir von mehreren Quellen bestätigen ließ, habe ich nach diesem Stempel in meinem Vertrag gesucht… Vergeblich. Ein Jurist den ich in Shanghai kennengelernt habe, hat mir lachend erzählt, dass es öfters praktiziert wird um das Aufmucken ausländischer Mitarbeiter zu unterbinden.

Ich bin so knapp bei Kasse weil ich den letzten Monat kein Gehalt bekommen habe, dass ich diesen Monat mein Gehalt eine Woche vorher haben wollte. Zähne knirschend hat Ying die Finanzabteilung angerufen und es in die Wege geleitet. Zuerst hatte ich ein schlechtes Gewissen deswegen aber dann habe ich mich daran erinnert, dass ich im ersten Monat 2 und im Monat darauf eine Woche verspätet bezahlt wurde. Werner (Hutterer) wollte am 22. April hier sein. Nach seinem letzten Besuch im Dezember hat sich alles nur zum schlechtem entwickelt und nichts von dem was Ralf und ich vorgeschlagen haben wurde gemacht obwohl Werner von unseren Ideen begeistert war. Ich habe mir vorgenommen ihm keine professionelle Analyse zu liefern zumal dies auch nicht in meiner Verantwortung liegt. Wegen eines isländischen Vulkans wurde sein Flug um eine Woche verschoben und mir ist klar geworden wie sehr ich es brauche mit jemandem über all die Probleme hier zu sprechen. Ich bin genauso voll wie dieser Vulkan.

Mai

Werner ist am vierten Mai nach Xiasha gekommen. Wenn er eine Woche vorher gekommen wäre, hätte ich bestimmt nicht so eine negative Haltung vorgebracht. Letzte Woche hat Ying mir gesagt, dass die Studenten mit mir sprechen möchten. Ich habe mich gefreut weil ich dachte, dass sie jetzt wegen der bevor stehenden Prüfung etwas Angst bekommen haben und mit mir einen neuen Unterrichtsplan machen wollen. Es kamen nur die Studenten die seit mindestens einen Monat nicht mehr im Unterricht waren. Sie hatten einen Zettel in der Hand auf dem Ihre Beschwerden standen. Es war Yings Handschrift und sie saß auch dabei um sicher zu gehen, dass die Studenten ihre Botschaft richtig übermittelten. Ein Punkt war, dass ich den Unterricht Prüfungsorientiert gestalten soll, ein anderer war, dass mein Unterricht langweilig sein soll. Ich habe Inge (die Klassensprecherin) gefragt woher sie denn wüsste, dass mein Unterricht so langweilig ist denn sie hat ja seit über einem Monat nicht daran teilgenommen. Als die Studenten sahen, dass der Lehrer der sonst wie ein guter Freund zu Ihnen war zu einem Autoritären Mann mutierte wurden Sie rot im Gesicht und wussten nicht mehr was Sie sagen sollen. Ich habe Sie gefragt woher sie denn wüssten, dass ich nicht auf die Prüfung hin arbeite und keiner hatte eine Antwort. Nach diesem Gespräch musste ich den Raum verlassen um Ying und die Studenten alleine zu lassen. Offensichtlicher ging es einfach nicht mehr. Ich hatte nach diesem Ereignis gar keine Lust mehr in Hangzhou zu bleiben. Als Werner dann endlich in Hangzhou ankam wollte ich das alles mit ihm besprechen und hoffte darauf, dass er eine Lösung findet die uns alle zufrieden stellt. Ich habe ihm gesagt, dass ich die B1 Prüfung nicht machen werde, dass ich nach den Ferien nicht mehr zurückkommen werde und dass mein Vertrag ungültig ist. Da ich dachte, dass Werner und ich einen Draht zueinander haben, habe ich ihn gebeten dies nicht weiterzusagen bis die Ferien anfangen. Ich denke, unser Gespräch hat mehr als 3 Stunden gedauert. Ich habe wie ein Wasserfall gesprochen. So dumm wie ich bin habe ich Werner, trotz meines Selbstversprechens, eine vollständige schriftliche Analyse beider Gruppen gegeben. Bis zum 06. Mai hatte ich noch das Gefühl, dass Werner mir helfen wollte doch ich wurde auch langsam skeptisch. Obwohl ich so viel erzählt hatte und hauptsächlich darauf bestanden habe, dass auch meine Probleme gelöst werden mussten wurde nur der „Freiwillige“ Unterricht von Werner öffentlich kritisiert. Dies war ein Problem, dass ich schon vor 3 Wochen gelöst hatte aber Werner sah es wohl als eine Gelegenheit an mal auf den Tisch zu hauen. Unsere Versammlung war eine Katastrophe. Als Onno gesagt hat, dass ich die B1 Prüfung machen werde und der zweite Prüfer aus Deutschland nur den halben Flug bezahlt bekommen wird ist Werner ausgerastet. Ich habe ja für kurze Zeit gedacht, dass Werner so wütend ist weil man meine Teilnahme an der Prüfung als selbstverständlich annimmt aber wie ich kurz darauf gesehen habe war es doch die mangelnde Bezahlung für den zweiten Prüfer. Ich habe Ying, Onno und Werner erst mal ausdiskutieren lassen bis ich dann nochmals gesagt habe, dass Sie die eben ausgehandelte kosten mit 2 multiplizieren können weil ich die Prüfung nicht abnehmen werde. Ich habe Werner nochmals von meinem Vorschlag berichtet nachdem die Uni nur die Hälfte bezahlen hätte müssen und auch von der kurzfristigen Ablehnung dessen. Auf fragende Blicke hin habe ich noch gesagt, dass ich nur als Lehrer eingestellt bin und das mein Angebot nicht mehr gültig ist. Ich glaube, das ist das Problem mit mir… Ich kann auch zurück schlagen.

Als wir uns am 06. Mai zum letzten Mal mit Werner getroffen haben war er schon am Anfang recht aggressiv. Wir sind spazieren gegangen und er hat mich gefragt ob ich es mir mit der Kündigung anders überlegt habe. Als ich gesagt habe, dass meine Entscheidung feststeht hat er mich beschuldigt weg laufen zu wollen. Ich bin ganz ruhig geblieben und habe gesagt, dass die Ferien 2 Monate dauern und ich einen Monat Kündigungsfrist habe. Als ich merkte, dass Werner mit erhobener Stimme und immer aggressiver mit mir umging habe ich jegliche Hoffnung für eine weitere Zusammenarbeit verloren. Ich habe Werner daran erinnert, dass mein Vertrag ungültig ist und dass er der einzige Grund war warum ich noch in Hangzhou bin. Werner wurde immer ausfallender was mich schockiert aber auch amüsiert hat. Ich glaube mein grinsendes Gesicht war mit ein Grund für seine Wut. Ich war auch wütend. So wütend, dass ich sobald ich zuhause war mir ein Ticket in die Türkei besorgt habe und ich hatte nicht vor, irgendjemandem davon zu berichten.



Mein Flug geht am 17. Mai. In den ersten Tagen nach der Buchung hatte ich Bedenken wegen meiner Studenten. Ich habe sogar eine kurze Zeit lang überlegt das Ticket zu stornieren. Doch als ich es mir nochmal durch den Kopf gehen lies, ist mir klar geworden, dass ich nicht mehr in Hangzhou bleiben kann. Jeder Tag wurde zu einer Tortur und ich wollte nur noch weg von dieser Uni, Ying, Onno und allem was mit Werner zu tun hatte. Obwohl mittlerweile alle Studenten anwesend und interessiert sind (ich habe meinen Unterricht nicht verändert) merke ich doch wie wiederwillig meine Füße sind wenn sie in Richtung Klassenzimmer gehen sollen. Da ich genau wusste, dass ich, selbst bei einer fristgerechten Kündigung, mein letztes Gehalt nie sehen würde hatte ich mir den 17. des Monats ausgesucht. Doch der 17. war ein Montag und das war immer noch ein zu großes Risiko für mich. Was wenn die Finanzabteilung eine Woche später überweisen möchte und ich schon längst weg bin? Ich habe Ying wieder um eine vorzeitige Auszahlung meines Gehalts gebeten und das war wirklich sehenswert. Da ich die chinesische Kultur schon recht gut kenne, wusste ich, dass sie gar nicht vor hatte die Finanzabteilung anzurufen. Ihre Mimik und ihre Art haben mir verraten, dass sie innerlich flucht. Ich habe sie daraufhin gebeten doch gleich anzurufen während ich noch da bin und da ist sie ausgerastet. Zuerst hat sie mich gefragt was ich mit meinem Geld mache und warum ich nie mit meinem Gehalt auskomme. Dann hat sie gesagt, dass sie seit Anfang an jeden Monat für mich die Finanzabteilung anrufen musste um eine frühzeitige Zahlung zu arrangieren. Ich habe ihr gesagt, dass meine Ausgaben sie nichts angehen aber wenn sie es unbedingt wissen muss ich mein neues Privatflugzeug abbezahle und ich schockiert bin wie geschickt sie doch Geschichten erzählen kann zumal ich diese Art der Anfrage bisher nur einmal gemacht habe. Ying hat in ihrer Studienzeit in Deutschland so viele negative Erfahrungen gemacht, dass sie nun die Gelegenheit nutzen und das alles an mir auslassen wollte. Zu schade nur, dass ich das gleiche über China und Chinesen empfand. Zwei Tage später (am 14.05.) hatte ich mein Gehalt auf meinem Konto. Noch an diesem Tag habe ich alles was in meinem Zimmer war und mir gehörte Zhe Heng geschenkt und bin in den nächsten Zug nach Shanghai gefahren um mein letztes wundervolles Wochenende in Shanghai zu erleben.